Sofia Gubaidulina in der Gohrischer Konzertscheune. Foto ©: Matthias Creutziger


Die 8. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch rückten das Schaffen Sofia Gubaidulinas und Mieczysław Weinbergs ins Zentrum. Doch auch die Freunde der Musik Dmitri Schostakowitschs kamen nicht zu kurz.


Zwischen Feindeshass und Gottesliebe


Fünf Ur- und deutsche Erstaufführungen an einem einzigen, musikalisch hochintensiven Wochenende – nein, wir befinden uns nicht in Donaueschingen, dem (einstigen) Mekka der Liebhaber zeitgenössischer Tonkunst, sondern im kleinen Kurort Gohrisch, im hintersten Winkel des Freistaates Sachsen. Zweimal weilte Dmitri Schostakowitsch im dortigen Gästehaus des DDR-Staatsrats. Während seines ersten Aufenthalts 1960 entstand sein tiefpersönliches 8. Streichquartett, das einzige Werk, das er außerhalb seines Heimatlandes schuf. Seit 2010 ist dem vielleicht nachklingendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts ein Festival gewidmet, das Musikliebhaber aus aller Welt alljährlich in die pastorale Idylle der Sächsischen Schweiz lockt. Die nunmehr achte Auflage rückte  mit Sofia Gubaidulina und Mieczysław Weinberg zwei Komponistenkollegen in den Fokus, deren Lebenslinien sich in besonderer Weise mit der Schostakowitschs überschneiden.


Mit „In Erwartung“ (1993) und „Verwandlung“ (2004) standen beim Eröffnungskonzert gleich zwei Kompositionen Sofia Gubaidulinas im Programm, die eng mit dem Raschèr Saxophone Quartet verbunden sind. Die „ungekrönten Könige des Saxophons“, wie sie die Wiener Zeitung einmal nannte, traten dabei in intensiven musikalischen Dialog mit dem renommierten Slagwerk Den Haag und einem Streicherensemble  der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Der besondere Reiz beider Werke liegt in der Gegenüberstellung verschiedenartigster Verfahren der Klangerzeugung, wobei auch die Extreme musikalischer Dynamik exponiert werden. In „Verwandlung“ kommen Elemente einer musiktheatralischen Handlung hinzu, wenn urplötzlich ein im Clownskostüm gewandeter Posaunist die Szenerie betritt (großartig der Soloposaunist des SWR Symphonieorchesters Frederic Belli). Ob man hierin die Verkörperung des typisch russischen Gottesnarren erkennt, oder eher an das oft genug clowneske Agieren aktueller Polit-Größen denkt, mag jeder Zuhörer für sich selbst entscheiden.


Etwas komplizierter verhält sich die Sache mit der Deutungshoheit bei zwei neuen Werken der Grande Dame der russischen Gegenwartsmusik, die in Gohrisch uraufgeführt wurden: „Einfaches Gebet“ und „Die Pilger“ – hier ist die inhaltliche Ausrichtung bereits im Titel festgeschrieben; beide Werke spiegeln die tiefe Religiosität der Komponistin wider. In „Einfaches Gebet“, der kammermusikalischen Essenz ihres Opus Summum, einem großangelegten Oratorium, an dem die 85-jährige Capell-Compositrice der Staatskapelle  gegenwärtig intensiv arbeitet, kommt eine tiefe Empörung über die um sich greifende Brutalität der Menschen hinzu. Dass Gubaidulinas musikalischer Protestschrei vom Publikum dennoch eher ambivalent aufgenommen wurde, dürfte vor allem der Textauswahl geschuldet sein. Das einst Franz von Assisi zugeschriebene, Experten zufolge jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Nordfrankreich entstandene „Friedensgebet“ schwankt beständig zwischen Feindeshass und Gottesliebe, einige Gebetszeilen irritieren durch ihre offenkundige Nähe zu religiösen Extremismen. Irritationen, die Festivalleiter Tobias Niederschlag in einem einleitenden Gespräch mit der Komponistin nicht aufzulösen vermochte.


Im Rahmen des Konzertes wurde Sofia Gubaidulina der diesjährige Schostakowitsch Preis Gohrisch verliehen. In ihrer Dankesrede bekannte sie, dass sie von Kindheit an die Musik Schostakowitschs im Herzen trage. Dieser habe ihr gelehrt, sie selbst zu sein. Als Vorsitzender des sowjetischen Komponistenverbandes nahm Schostakowitsch einst die junge Komponistin gegen die Anwürfe der Kulturbürokratie in Schutz und riet ihr, ihren eigenen,  „falschen“  Weg fortzusetzen.


Geradezu existenziell war die Intervention Schostakowitschs für den im Zweiten Weltkrieg vor den anrückenden Deutschen in die Sowjetunion geflohenen polnisch-jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg. Als Weinberg auf dem Höhepunkt einer Welle des sowjetrussischen Antisemitismus Anfang 1953 verhaftet wurde, setzte sich Schostakowitsch persönlich beim berüchtigten Geheimdienstchef Beria für seine Freilassung ein, ja bot sich sogar  als Austausch für ihn an. Beide Komponisten verband zeitlebens eine tiefe Freundschaft. 


Spätestens seit der szenischen Uraufführung der Oper „Die Passagierin“ 2010 in Bregenz ist vor allem im Westen das Interesse an dem ebenso umfangreichen wie musikalisch gehaltvollen Werk Weinbergs gestiegen. Anteil daran hat sicher auch das Gohrischer Festival, bei dem bereits in den Vorjahren einige seiner Werke erklangen, sowie namhafte Solisten wie die Violinisten Linus Roth und Dmitry Sitkovetsky, der Cellist Emil Rovner oder die Pianistin Elisaveta Blumina, die sich der Musik Weinbergs in besonderer Weise verpflichtet fühlen. Gemeinsam mit dem  Pianisten Florian Uhlig und Musikern der Staatskapelle brachten sie in Gohrisch einen ganzen Strauß höchst reizvoller kammermusikalischer Werke Weinbergs zu Gehör, darunter zwei Uraufführungen.


Doch zurück zum Namensgeber des Festivals. Dieses hatte am Vorabend mit einem denkwürdigen Konzert der Staatskapelle in der Semperoper in Dresden begonnen. Auf dem Programm standen die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 15 des großen Russen. Am Pult der 86-jährige Grandseigneur der russischen Dirigentengilde Gennady Rozhdestvensky, den das Publikum am Ende mit minutenlangen Standing Ovations feierte. Beim Eröffnungskonzert in Gohrisch brillierte seine Ehefrau Viktoria Postnikova als Solistin in Schostakowitschs erstem Klavierkonzert, dargeboten in einer auch klanglich nicht uninteressanten Kammerversion. Tags darauf zelebrierte dann der hochdekorierte Pianist Alexander Melnikov – der wie übrigens alle Musiker ohne Gage in der Konzertscheune auftrat –  die 24 Präludien und Fugen op. 87, Schostakowitschs tiefe Verbeugung vor dem musikalischen Genie Johann Sebastians Bachs. Ein schweißtreibender Bravourakt. Grandios! 


Das Abschlusskonzert hielt schließlich noch ein besonderes Schmankerl für alle Freunde der Musik Dmitri Schostakowitschs parat: Die Uraufführung dreier erst vor zwei Jahren in einem Moskauer Archiv aufgefundener Fragmente aus der 1927/28 entstandenen Oper  „Die Nase“, die seinerzeit vom Komponisten nicht in die endgültige Fassung aufgenommen wurden. Eine frech-ironische, bisweilen schrill-bizarre Musik, die die Staatskapelle da unter der Stabführung von Thomas Sanderling  aus der Taufe hob – und die von vielen Zuhörern als angenehmer Kontrast zum heiligen Ernst manches zuvor Gehörten empfunden wurde.

Karlheinz Schiedel 


(Dieser Text erschien in der Badischen Zeitung, Freiburg im Breisgau, Ausgabe vom 1. Juli 2017)


Hier noch einige Impressionen von  den 8. Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch. Die Fotografien hat uns Matthias Creutziger zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!  




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